Ein unterschätztes Problem

Leistenschmerzen und Adduktorenprobleme zählen im Leistungs- und Breitensport zu den häufigsten Beschwerden der unteren Extremität. Besonders im Fußball, aber auch in Sprint-, Kampfund Eissportarten, kommt es regelmäßig zu Überlastungen und akuten Muskelverletzungen in der Adduktorengruppe.

Warum sind die Adduktoren so anfällig?

Die Adduktorenmuskulatur, insbesondere der Musculus adductor longus, ist anatomisch und funktionell eng mit der Bauchmuskulatur, der Symphyse und dem Ligamentum pubicum anterius verknüpft. Dieses Netzwerk wird auch als PLAC-Komplex (Pyramidalis–Ligamentum pubicum anterius–Adductor longus-Komplex) bezeichnet und ist entscheidend für die Kraftübertragung zwischen Rumpf und Bein (Schilders et al., 2017). Aufgrund dieser komplexen Verflechtung kann eine Verletzung weitreichende Auswirkungen auf das Bewegungssystem haben.

Adduktorenverletzungen entstehen meist durch:

  • explosive Richtungswechsel,
  • schnelle Abbremsbewegungen,
  • Schüsse oder Tritte gegen Widerstand,
  • mangelnde Kontrolle in der Becken- und Rumpfstabilität.

Besonders häufig treten die Verletzungen am proximalen Sehnenansatz auf – oft in Verbindung mit weiteren Strukturen wie dem M. pectineus oder M. pyramidalis (Schilders et al., 2021).

Rückkehr zum Sport: Kriterienbasiert statt kalenderbasiert

Ein rein zeitbasierter Rehabilitationsansatz ist bei Adduktorenverletzungen nicht mehr zeitgemäß. Moderne Konzepte orientieren sich an funktionellen Kriterien – wie Schmerzfreiheit, Bewegungsqualität, Kraftniveau und sportartspezifischer Belastbarkeit (Serner et al., 2020).

Die vier Reha-Phasen in Kürze:

  1. Frühphase: Aktive Beweglichkeit, erste Kraftübungen, Schmerzgrenze bei max. 2/10.
  2. Aufbauphase: Progressiver Kraftaufbau, vor allem isometrisch/exzentrisch, Integration von Rumpf und Becken.
  3. Sportnahe Phase: Hohe Intensität, Schnellkraft, Richtungswechsel, z. B. „Copenhagen Adduction“.
  4. Return to Sport: Nur bei vollständiger Schmerzfreiheit in klinischen Tests (T-Test, Sprints, sportartspezifische Drills) und vollständiger Reintegrationsfähigkeit in das Mannschaftstraining (Ishøi et al., 2020).

Was braucht eine erfolgreiche Rehabilitation?

Die Rehabilitation sollte gezielt:

  • exzentrische Kraft aufbauen,
  • neuromuskuläre Kontrolle im Beckenbereich verbessern,
  • die gesamte kinetische Kette (Bauch, Hüftbeuger, Gesäß, Oberschenkelrückseite) adressieren (Heiderscheit et al., 2010),
  • funktionell trainieren – idealerweise in Sport- und Spielsituationen.

Eine wichtige Erkenntnis: Reha „in den Schmerz hinein“ (bis max. 4/10) kann effektiver sein als komplette Schmerzvermeidung – insbesondere im Hinblick auf Kraft- und Faszikellängen-Erhalt (Hickey et al., 2020).

Fazit

Adduktorenverletzungen sollten nicht isoliert betrachtet werden – sie betreffen meist ein ganzes Netzwerk an Strukturen rund um die Leiste. Ein durchdachter, kriterienbasierter Reha-Prozess ist entscheidend für eine nachhaltige Rückkehr in den Sport. Ein zu früher Wiedereinstieg erhöht das Risiko für Rezidive und chronische Leistenschmerzen erheblich.

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Literaturverzeichnis:

Heiderscheit, B. C., Sherry, M. A., Silder, A., Chumanov, E. S., & Thelen, D. G. (2010). Hamstring strain injuries: Recommendations for diagnosis, rehabilitation, and injury prevention. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 40(2), 67–81.

Hickey, J. T., Timmins, R. G., Maniar, N., Rio, E., Hickey, P. F., Pitcher, C. A., Williams, M. D., & Opar, D. A. (2020). Pain-Free Versus Pain-Threshold Rehabilitation Following Acute Hamstring Strain Injury: A Randomized Controlled Trial. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 50(2), 91–103.

Ishøi, L., Krommes, K., Husted, R. S., Juhl, C. B., & Thorborg, K. (2020). Diagnosis, prevention and treatment of common lower extremity muscle injuries in sport – grading the evidence. British Journal of Sports Medicine, 54(9), 528–537.

Schilders, E., Mitchell, A. W. M., & Johnson, R. (2021). Proximal adductor avulsions are rarely isolated but usually involve injury to the PLAC and pectineus: descriptive MRI findings in 145 athletes. Knee Surgery, Sports Traumatology, Arthroscopy, 29(8), 2424–2431.

Schilders, E., Bharam, S., Golan, E., et al. (2017). The pyramidalis–anterior pubic ligament–adductor longus complex (PLAC) and its role with adductor injuries: A new anatomical concept. Knee Surgery, Sports Traumatology, Arthroscopy, 25, 3969–3977.

Serner, A., Weir, A., Tol, J. L., et al. (2020). Return to sport after criteria-based rehabilitation of acute adductor injuries in male athletes. Orthopaedic Journal of Sports Medicine, 8(2), 2325967119897247.