Warum neue Denkmodelle mehr helfen als Schonung

„The Fit-for-Purpose Model: Conceptualizing and Managing Chronic Nonspecific Low Back Pain as an Information Problem”
Benedict M. Wand, PhD1,*, Aidan G. Cashin, PhD2,3, James H. McAuley, PhD2,3, Matthew K. Bagg, PhD2,4,5, Gemma M. Orange ,MSc1,G.Lorimer Moseley, PhD6

Was ist “chronisch unspezifischer Rückenschmerz?“

  • Per Definition ist chronisch unspezifischer Kreuzschmerz ein Schmerzzustand im unteren Rücken, der auf keine spezifischen Pathologien (wie beispielsweise Infektionen, Tumore, Frakturen, entzündliche Prozesse, …etc.) zurückgeführt werden kann und länger als 12 Wochen anhält.
  • Oft äußert sich dieser durch:
    •  bewegungs- oder belastungsabhängigen Schmerz
    • Einschränkungen in Alltag oder Beruf, sozialem und persönlichem Leben

Wie entsteht chronischer Rückenschmerz?

  • Jeder chronische Schmerzzustand hat irgendwann einen Beginn – manchmal plötzlich, manchmal schleichend. Ein Großteil der akut auftretenden Rückenschmerzen wird aber schnell besser und verschwindet oft wieder ganz von selbst.
  • Wieso aber entwickelt sich bei manchen Personen, aus vorübergehenden Beschwerden, ein chronischer Schmerzzustand?

Personen mit chronischen Rückenschmerzen beginnen nach Auftreten der Beschwerden besonders früh, bestimmte Überzeugungen anzunehmen. Sie gehen also davon aus, dass der Rücken beschädigt, fragil und nicht mehr belastbar bzw. gesund sei. Häufig werden diese Annahmen als nur wenig oder gar nicht veränderbar angenommen – manche Personen glauben sogar, den Rest ihres Lebens mit diesen Beschwerden leben zu müssen. 

  • Zur Bildung solcher Glaubenssätze tragen u.a. Informationen, die wir aus unserer sozialen Umgebung erfahren, bei. 
    •  In unserer Gesellschaft wird Rückenschmerz als ein weit verbreitetes und besonders hartnäckiges Problem gesehen.
    • Rückenschmerzen werden oft als Folge einer körperlichen Verletzung, die durch strukturelle Schädigung hervorgerufen wird, eingeschätzt. Zum Beispiel glauben viele, dass Rückenschmerz durch bestimmte Bewegung ausgelöst wird und eine Besserung der Beschwerden durch Ruhe oder Inaktivität erreicht werden kann. 
    • Schmerz wird also oft mit „Schaden“ verbunden.
    • Einen Physiotherapeuten oder Arzt aufzusuchen, lässt das Problem manchmal noch „ernster“ erscheinen.
    • Erklärungsmodelle von Personen aus dem Gesundheitswesen verweisen immer wieder auf Gewebeverletzungen und -schädigungen als primäre Ursache des Schmerzgeschehens.
    • Behandlungsstrategien, die auf Entlastung und Schonung der Wirbelsäule abzielen, werden leider noch immer oft als Lösung dargestellt.
    • Bildgebende Verfahren der Wirbelsäule werden bei Rückenschmerzen häufig durchgeführt. Jedoch werden dabei oft Befunde erfasst, die nicht unbedingt in Kausalität mit diesen Beschwerden stehen. Solche Befunde scheinen häufig bestehende Vorstellungen einer strukturellen Schädigung zu bestätigen oder zu verstärken. Veränderungen der Wirbelsäule, die oft normale Alterungsprozesse sind, werden häufig als irreversibel und progressiv schlechter werdend wahrgenommen.

Diese Faktoren können zur Bildung der vorher erwähnten internen kognitiven Modelle beitragen, die von Person zu Person individuell sind. Beispielsweise: 

  • Der Rücken wird als nicht mehr belastbar und funktionsfähig eingeschätzt
  • Der Rücken wird als gefährdet und schutzbedürftig wahrgenommen

Schmerz

  • Ein Rücken der als geschädigt, fragil und nicht gesund wahrgenommen wird, fühlt sich auch eher so an:
  • Die Verarbeitung von Schmerz findet in unserem Gehirn statt und ist wesentlich komplexer als einst angenommen wurde. Wie ein Reiz wahrgenommen wird und ob Schmerz als Antwort auf den Reiz entsteht, hängt von einem Zusammenspiel aus bereits zuvor gespeicherten und neuen Informationen ab – bestehende Überzeugungen und Erwartungshaltungen des eigenen Körpers und der Umwelt können also zum Beispiel dazu führen, dass Schmerzen stärker wahrgenommen oder anders interpretiert werden.
  • Dies wiederum kann zur Vermeidung bestimmter Aktivitäten oder zu Veränderung in der Bewegungsausführung führen. Unser Körper glaubt, sich bewusst oder unbewusst schützen zu müssen. 
  • Eine mögliche Folge ist Bewegungsarmut- und eine reduzierte Bewegungsvielfalt
  • Langfristig gesehen kann dies zu funktionellen Veränderungen führen:
    • Veränderte Schmerzwahrnehmung- und Verarbeitung
    • Veränderte Selbstwahrnehmung des Körpers bzw. des Rückens
    • Reduktion der Beweglichkeit, Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit des Rückens
  • Veränderungen der neuronalen Repräsentation:
    Die neuronale Repräsentation beschreibt, wie der Rücken bzw. unser Körper allgemein im Gehirn „abgebildet“ wird. Sie beeinflusst beispielsweise, wie wir unseren Körper wahrnehmen und was wir bei Bewegung fühlen. Durch wiederholte Schonung oder negative Erfahrungen kann diese Wahrnehmung verzerrt werden – Bewegung und Belastung können sich unsicher und gefährlich anfühlen, obwohl objektiv gesehen keine Gefahr besteht.

Behandlung von chronisch, unspezifischem Rückenschmerz 

  • Multimodaler Behandlungsansatz: Um eine wirksame Behandlung zu gewährleisten, ist das Berücksichtigen mehrerer Einflussfaktoren aus dem gesamten biopsychosozialen Spektrum notwendig. 
  • Ein multimodaler Behandlungsplan, der aus einer Kombination von Interventionen aufgebaut wird, wirkt also effektiver als alleinstehende Behandlungsmethode
  • Ein vertiefendes Verständnis der Wechselwirkungen zwischen den Einflussfaktoren im gesamten biopsychosozialen Spektrum ist notwendig. Es ist wichtig zu verstehen, wie sich unterschiedliche Faktoren verbinden und zusammen den Verlauf und die Wahrnehmung chronischer Schmerzen beeinflussen. 
  • Eine wichtige Rolle spielen dabei kognitive und verhaltensbezogene Faktoren und die Veränderbarkeit von neuroimmunologischen Prozessen.

Das Behandlungskonzept nach dem “Fit-For-Purpose”- Modell besteht darin, die Funktionsfähigkeit des Rückens zu stärken. Folgende Punkte bzw. Phasen sollten dabei Teil der Rehabilitation sein:

  • Überdenken und Hinterfragen von Vorstellungen & Überzeugungen über Schmerz
  • Dadurch VERSTEHEN, dass es sicher und hilfreich ist sich zu bewegen und das Auftreten von Schmerzen nicht bedeutet, dass etwas „kaputt wird“
  • Lernen über den Körper, Verfeinerung der Wahrnehmung und Körperrepräsentation (neuronale Repräsentation), sodass sich der Rücken bei Bewegung und Belastung wieder sicher ANFÜHLT.
    • Dazu gehören sensorisch-motorische Übungen und beispielsweise folgende Aspekte:
      Wie fühlt sich der Körper während und nach der Bewegung an?
      Wie sehen bestimmte Bewegungen aus und was passiert währenddessen im Körper?
      Wie können präzise, gezielte Bewegungen durchgeführt und gesteuert werden? 
  • Danach folgt die stufenweise STEIGERUNG DER BELASTUNG und BELASTBARKEIT des Rückens, um positive Gewebsanpassungen zu fördern und zunehmend SICHERHEIT in der Bewegung des Rückens aufzubauen – dazu gehören beispielsweise kräftigende Übungen mit zunehmender Gewichtsbelastung. Der Belastungsaufbau sollte dabei nach den INDIVIDUELLEN ZIELEN des Patienten/ der Patientin ausgerichtet werden.
  • SELBSTMANAGEMENT: Schließlich sollten alle diese Aspekte synergistisch miteinander wirken und verstanden werden, wie Schmerz, Training, Bewegung, Alltag und Co. langfristig selbst gemanaged werden können

Welche Aufgabe haben wir Therapeuten/Innen und Angehörige aus dem Gesundheitswesen?

Aufgabe von uns Therapeuten/Innen bei der Behandlung von chronisch unspezifischem Rückenschmerz, ist es, alle genannten Phasen Stück für Stück in die Therapie zu integrieren und schließlich miteinander zu verbinden. 

Basierend auf den individuellen Ängsten, Fehlannahmen, Verhaltensweisen und Zielen des Patienten/der Patientin ist es die Aufgabe des/der Therapeut/in zu erkennen, welche Aspekte im Therapieprozess vielleicht mehr Gewichtung benötigen als andere. 

Gezielte Assessments (wie beispielsweise über Schmerzverständnis, Bewegungspräzision und Körperbewusstsein), können dabei helfen, Schwerpunkte bzw. Anpassungen zu setzen und dienen außerdem dazu Verlaufs- und Erfolgsfortschritte zu kontrollieren.

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